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"Im Melatonin stecken jede Menge Wirkungen, von denen wir erst ansatzweise Ahnung bekommen", sagt der Münsteraner Chronobiologe Jan-Dirk Fauteck. Vor zehn Jahren feierte man das Hormon, es sollte Krebs, Bluthochdruck und Kopfschmerzen bekämpfen. Danach wurde es ruhig um den Stoff - denn das Hormon, das vor allem in der Nacht im Körper des Menschen zu finden ist, ist in Deutschland nicht zugelassen: Es fehlt an aussagekräftigen Studien, die seine Unbedenklichkeit bescheinigen.
Inzwischen bekommt Melatonin neue Popularität, sie kommt aus den USA nach Deutschland - drüben gilt das Hormon "nur" als Nahrungsergänzungsmittel und ist deshalb frei erhältlich.
Chronobiologe Fauteck widmet sich seit vielen Jahren der Melatoninforschung, zunächst an den Unis in Münster und Mailand, inzwischen als Geschäftsführer des unabhängigen Pharmaforschungsinstituts Proverum in Münster. Vor drei Jahren hat er gemeinsam mit italienischen Kollegen ein melatoninhaltiges Präparat entwickelt, das mittlerweile in Italien hergestellt, in den USA vertrieben und von deutschen Ärzten verschrieben, von den Kassen aber nicht bezahlt wird: Melachron. Das Besondere an dem Präparat ist, dass es anders als Melatonin nur langsam im Körper abgebaut wird. Melatoninpräparate werden schnell verstoffwechselt und bleiben deshalb manchmal wirkungslos, weil man zu schnell wieder aufwacht. Melachron hingegen gibt das Hormon gleichmäßig verteilt über einen mehrstündigen Zeitraum ab und kann dadurch für erholsamen Schlaf sorgen. "Das chronische Schlafdefizit bei älteren Menschen lässt sich mit Melachron wunderbar beheben", bewirbt Fauteck sein Präparat. Und darin stecke schließlich "ein enormes Präventivpotenzial, denn nicht umsonst heißt es: Schlaf dich gesund!"
Bei stressbedingten Schlafproblemen helfe Melatonin, in welcher Form auch immer es eingenommen wird, dagegen so gut wie gar nicht, sagt Professor Christoph Bamberger, Direktor des Medizinischen Präventionszentrums am Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf. Deshalb handle es sich für ihn eher um "ein selten verschriebenes Medikament". Klassisch ist die Anwendung des "Dornröschen-Hormons" bei Jetlag, Schichtarbeit oder Erblindung. "Da wir heute praktisch alle am Schichtarbeitersyndrom leiden und gegen die innere Uhr leben, bräuchte es im Prinzip jeder", scherzt Dieter Kunz von der Berliner Charité. In seine psychiatrische Klinikambulanz kämen viele Patienten mit schlafbezogenen Störungen, denen er Melatonin verschreibe. "Das Hormon heilt zwar keine Krankheit, aber es unterstützt die Heilung durch guten Schlaf, indem es das Anfangssignal für die Nacht vorgibt." Nach der ersten Einnahme zeige es relativ wenig Effekt, nach vier Wochen halte die Wirkung bei vielen aber oft über Jahre an, berichtet Kunz. Der Großteil der Patienten komme sogar mit einem kurz wirkenden Präparat zurecht. "Das Tolle ist: Die körpereigene Melatoninproduktion kommt durch die Einnahme wieder in Gang. Bei den meisten Medikamenten ist es ja umgekehrt: Die körpereigene Produktion wird eingestellt."
Kunz leitet an der Charité zurzeit eine Studie mit dem melatoninanalogen Arzneistoff Agomelatin, der fast dieselbe chemische Struktur besitzt wie das natürliche Hormon Melatonin. Der Kniff: Agomelatin kann als künstlicher Wirkstoff patentiert werden. Allerdings wird das gründlich erforschte Agomelatin, wenn es auf den Markt kommt, deutlich teurer werden als Melatonin. Kunz spricht von einer "sehr guten Wirksamkeit als Antidepressivum mit fabelhaftem Nebenwirkungsprofil".
Dermatologen der Uni Jena stellten fest, dass die äußere Anwendung das Haarwachstum günstig beeinflusse. Ein Forscherteam befasste sich im vergangenen Jahr mit der Auswirkung hoher Hormongaben auf die Überlebenschancen von Tumorpatienten: Bei den 643 Tumorpatienten, die täglich Melatonin einnahmen, reduzierte sich das Sterberisiko binnen Jahresfrist um 34 Prozent. Und Zahnmediziner der spanischen Universität Granada schreiben Melatonin Parodontoseschutz zu: Diejenigen Teilnehmer, die im Speichel höhere Werte des Hormons aufwiesen, hatten auch weniger Probleme mit Zahnfleischschwund.