Dieser Bericht steht in "Brigitte" vom Sept.05
Steif und verfroren kletterten wir morgens gegen Acht in den Anschluss-Flieger nach Phuket. Und von da ab gings per Local-Bus direkt nach Khao Lak . . .
Ab Ortseingang hielt ich den Atem an: Der Khao Lak National Park: Steht noch. Ist hoeher gelegen, als die Tsunami-Welle gekommen ist, konnte sie ihm nichts anhaben. Die dort liegenden Haeuser und Ressorts existieren alle noch. Der Bus donnert um die Kurve und mit einem Mal ist alles anders: Obwohl ich die Bilder hundertmal in Magazinen wie dem SPIEGEL, waehrend meiner Recherche in den Tagen nach dem Tsunami im Internet oder auch im Fernsehen gesehen habe: Die Wirklichkeit ist anders. Furchtbarer. Normaler. Aufgeraeumter.
In den vergangengen zehn Monaten haben die Thais alles daran gesetzt, Khao Lak wieder zu einem Ort zu machen, an den Touristen zurueck kommen wollen: Der Schutt ist weg, aber die Hotelanlagen, Bungalows, Restaurants, Geschaefte, Maerkte, Wohnungen, Tauchschulen links von der Hauptstrasse ebenso. Es ist, als waere jemand mit einem gewaltigen Bulldozer gekommen und haette einfach alles weggeschaufelt. Kaum, dass man noch ausmachen koennte, wo bestimmte Hotelanlagen oder Laeden vor zehn Monaten gestanden haben. Mittendrin stehen Bagger, sind Baustellen abgezaeunt, wird an allen Ecken und Enden gehaemmert, geschweisst, gemauert: Khao Lak arbeitet mit Hochdruck daran, zum Saisonbeginn alles wieder aussehen zu lassen, also ob nie etwas geschehen waere. Und tatsaechlich: Viele neue Anlagen stehen bereits, sind bereit, den Touristensturm aufzufangen, der hoffentlich bald wieder ueber Khao Lak herein brechen wird.
Trotzdem: Es ist grundsaetzlich anders als vor zehn Monaten: Im Dezember 2004 war Khao Lak ein einziger Rummelplatz, voll mit Discos, Cocktailbars, Man-spricht-Deutsch-Restaurants und Man-isst-Deutsch-Kueche. Mit Thailand und seiner urspruenglichen Kultur hatte das alles nichts zu tun (Weshalb wir auch im vergangenen Jahr ausserhalb von Khao Lak gewohnt haben, in einer von Thais betriebenen 5-Holzhuetten-Anlage, in der ab 22 Uhr mehr oder minder das Licht ausging).
Khao Lak heute wirkt wie auf dem Sprung: Gelaehmt noch von dem Schock des Tsunami, von der gewaltigen Zahl der Todesopfer. Andreas sprach gestern mit einer alten Frau. Sie erzaehlte ihm, sie habe fuenf (!) Familienmitglieder im Tsunami verloren. Aber auch sie ist voller Hoffnung, dass die Touristen wieder kommen, die Haupteinnahmequelle des Ortes. Deshalb haemmern, klopfen, schweissen die Thais wie verrueckt, bedenken jeden einzelnen Touristen, der durch Khao Lak streift, mit einem Laecheln und einem Kopfnicken.
Wir bezogen unsere Bungalows, weit hinter Khao Lak: Das Similana Ressort hat den Tsunami weitestgehend unbeschadet ueberstanden, weil es hinter einer Landzunge liegt, die es vor der Wucht der Welle schuetzte. Die Landzunge sieht aus wie abrasiert: Nur noch Baumstuempfe stehen dort. Alles ist kahl. Zum Weinen.
Wir haben das Similana gebucht, weil wir im Internet recherchiert hatten, dass es noch existierte. Und: Es liegt genau neben der Hozhuetten-Anlage von Nueng, bei dem wir im vergangenen Jahr wohnten. Insgesamt sind im Moment nur sechs Gaeste hier. In der Abenddaemmerung machen wir uns auf den Weg zu Nuengs Ao Thong Beach Bungalows: 300 Meter Richtung Sueden, um die Kurve, jetzt muessten wir das Strandrestauruant von Nueng sehen. Und wirklich: Durch die Nadelhoelzer leuchten einzelne Gluehbirnen. Ich atme schneller, obwohl ich weiss, dass es eigentlich nicht sein kann. Und es ist auch nicht so.
Das Restaurant ist zerstoert, die Holzhuetten so gruendlich verschwunden, dass wir noch nicht einmal ihre Fundamente wiederfinden. Nur der Grundriss des Kuechengebaeudes ist im hohen Strandgras noch auszumachen. Und zwei Steinbungalows. Nueng hatte vor einem Jahr damit begonnen, sie zu bauen. Sie sollten ihm seine Existenz sichern. Einer ist nur noch eine Ruine. Der andere halb verfallen. Die Lichter, die wir gesehen haben, gehoeren zu einer Baustelle fuer eine neue - sehr grosse und luxurioese - Anlage, die weiter landeinwaerts gebaut wird.
Wir schweigen. Die Dunkelheit bricht ueber uns herein. Still gehen wir zurueck zum Similana-Ressort.Leerer_strand
Am naechsten Tag machen wir einen Standspaziergang von Khao Lak nach Bang Niang. Ueberall das gleiche Bild: Brandneue Hotelanlagen, die auf Gaeste warten, Baustellen, in der Luft Laerm von Baumaschienen.
Und am Strand: Schuhe. Hunderte. Tausende. Verkeilt in der Uferboeschung, angeschwemmt zwischen Wurzeln grosser Baeume. Badelatschen. Flipflops. Sandalen aus Leder. Kinderschuhe. Alle Groessen und Formen, alle Farben, alle verblichen von zehn Monaten Sonne, von zehn Monaten Salzwasser.
Schuhe Ab und zu Fetzen von Kleidungsstuecken, Duschlotionen mit dem Aufruck von Hotelanlagen, die laengst nicht mehr existieren. Es ist eigenartig. Nicht schockierend. Traurig. Wir finden ein komplett zerstoertes Ressort: Sein Namenschild an der Strasse steht noch.
Zurueck an der Strasse kommen uns Jugendliche entgegen: 16-jaehrige Thai-Maedchen und -Jungs auf ihren Mopeds, lachend, strahlend, winkend: Gestern ist vorbei fuer sie, die oft viel mehr verloren haben als die Touristen, ganze Familien, ihre Vergangeneheit. Aber nicht ihre Zukunft. Hoffentlich.