Selfie von mehreren jungen Menschen
© Yvonne Pferrer

Reisebericht

Indien hautnah: Yvonne Pferrers persönliche Erfahrungen & Reisetipps

Blick auf Yvonne Pferrer im Gegenlicht, wie sie eine Kamera in der Hand hält
Einen Monat sind wir durch Indien gereist © Yvonne Pferrer

Warum Indien? Und warum jetzt?

Nach unserer zweiten großen gemeinsamen Reise durch Sri Lanka vor zehn Jahren – Sri Lanka gilt als “Indien für Anfänger” – wussten mein Partner Jerry und ich: Irgendwann möchten wir auch nach Indien selbst. Dieses Land hatte uns schon damals magisch angezogen – durch Erzählungen, Bilder, Farben, die Vorstellung duftender, geheimnisvoller Gewürze in unseren Köpfen.
⁠Gleichzeitig wussten wir aber auch: Für Indien muss man bereit sein.
⁠Indien ist kein Reiseziel, das man mal eben so “macht“. Dieses Land fordert Dich – emotional, sinnlich, menschlich. Mit über 1,4 Milliarden Menschen, mehr als 20 offiziell anerkannten Sprachen und einer der größten kulturellen Vielfalt der Welt ist Indien kein Land aus einem Guss. Es ist ein Mosaik aus ganz unterschiedlichen Realitäten. Anfang dieses Jahres fühlten wir uns bereit. Bereit für Kontraste. Für Perspektivenwechsel. Für alles dazwischen. Und wir entschieden uns für eine besondere Art zu reisen: langsam. Und nahmen uns einen Monat Zeit.

 

Yvonne Pferrer zwischen zwei Zügen lachend.
Wir wollten nicht durch Indien hetzen, sondern zusehen, wie sich die Landschaft verändert © Yvonne Pferrer

Unterwegs mit dem Zug – Indien im Zeitraffer

Denn durch dieses Land wollten wir nicht hetzen. Wir wollten nicht fliegen, aussteigen, weiterziehen. Wir wollten viel lieber zusehen, wie sich Landschaft verändert. Wie Regionen ineinander übergehen. Wie Indien atmet. Also reisten wir einen Großteil unserer Strecke mit dem Deccan Odyssey, einem preisgekrönten luxuriösen Hotelzug, der einer festen Route quer durchs Land folgt. Als wir einstiegen, waren wir erst einmal geflasht von der eleganten Einrichtung, den vielen luxuriösen Details, der stilvollen Atmosphäre in unserem Abteil und in Salon und Restaurant. Unsere Mitreisenden: schick gekleidete ÄrztInnen, AnwältInnen und ähnliches Publikum, das wie wir diese besondere Art des Reisens schätzte. Denn wir machten eine Entdeckungstour, die Zeit schenkt. Jedes Mal, wenn wir morgens in unserer Kabine die Vorhänge öffnen, gleiten draußen Reisfelder, Palmen, staubige Dörfer vorbei. Wir sehen Frauen in leuchtenden Saris. Kinder, die am Bahndamm winken. Kühe zwischen Motorrollern. Drinnen: Ruhe. Klimaanlage. Kaffee. Ein geschützter Raum. Draußen: Indien.

Dieser Kontrast war nicht unangenehm – wir hatten ihn vielmehr bewusst gewählt. Der Zug wurde zu unserem Beobachtungsposten. Er erlaubte uns, langsam einzutauchen und die Intensität der Reise Stück für Stück zu verarbeiten. Die Deccan Odyssey führt in einem großen Bogen von Mumbai bis nach Kolkata, durch Regionen wie Rajasthan und Uttar Pradesh und ein Stück sogar am Himalaja entlang. Oft fuhren wir nachts und hatten so den Tag für Erkundungen. Wir hielten in Städten wie Vadodara, Udaipur, Jaipur, Agra, Varanasi und Darjeeling. Dort konnten wir jeweils mit unserem Guide auf Entdeckungstour gehen. All das ist bestens organisiert. Manchmal machten wir uns aber auch auf eigene Faust auf den Weg und merkten, wie leicht es in Indien ist, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen – meist reicht ein Lächeln! In der Kombination all dessen ergab sich eine Indien-Reise, die uns begeistert hat und die wir nur empfehlen können.

Jede Stadt fühlte sich an wie ein eigenes Land. Indien verändert sich rasant. In vielen Regionen entstehen moderne Wohnviertel, IT-Zentren und neue Infrastruktur. Gleichzeitig leben Millionen Menschen weiterhin traditionell – besonders auf dem Land. Das Bild extremer Armut, das uns manchmal begegnete, ist aber nur ein Teil der Realität. Die meisten Familien leben einfach, aber in festen Häusern mit Strom und eigener Toilette. Sehr einfache Hütten ohne sanitäre Anlagen findet man vor allem in abgelegenen Regionen. Indien ist kein einheitliches Schwellenland. Es ist eine aufstrebende Wirtschaftsmacht mit tief verwurzelten sozialen Gegensätzen.
⁠Und genau das spürt man unterwegs.

Eine junge Frau steht neben einer älteren.
Die Begegnung mit Ramilaben Vasava wird uns noch lange im Gedächtnis bleiben © Yvonne Pferrer

Begegnung auf dem Land – Glück ist relativ

Ein besonders prägender Moment war unser Besuch bei einer Familie in Gujarat, der Teil des Zug-Programms war: Ramilaben Vasava lebt hier mit ihrem Mann. Die Söhne sind bereits ausgezogen. Ihr Haus ist aus Lehm errichtet. Es gibt kein Badezimmer im Haus, keine eigene Toilette. Der Alltag spielt sich draußen ab – kochen, waschen, ernten. Der Tagesrhythmus richtet sich nach Sonnenstand und Hitze. Nicht nach der Uhrzeit.

Wie alt Ramilaben ist, weiß sie selbst nicht genau. Sie sagt, sie sei zufrieden. Glück bedeute eine gute Ernte und genug zu essen. Wir wurden spontan zum Essen eingeladen. Später sogar zu einer Hochzeit in der Nachbarschaft. Wir saßen auf dem Boden, aßen mit den Händen, lachten über Sprachbarrieren hinweg. Hier wirkte das Leben ruhig, beinahe entschleunigt. Nur wenige Kilometer weiter verändert sich das Bild bereits – zu einem dichteren, moderneren, wirtschaftlich aktiveren Indien. Der Subkontinent ergibt kein statisches Bild. Hier existieren viele Wirklichkeiten nebeneinander. Und genau das macht dieses Land so schwer greifbar – und so faszinierend.

Yvonnes Tipp

Unsere Tipps an alle, die das erste Mal nach Indien reisen: Bei der Planung am besten nach dem Motto “weniger ist mehr” vorgehen – lieber weniger Orte einplanen und sich dafür öfter mal eine Pause gönnen. Wer sich gute Unterkünfte gönnt, kommt zwischendurch gut runter. Und apropos Planung: Vieles lässt sich in Indien nicht perfekt planen. Wer offen und flexibel ist, hat mehr von seiner Reise!

Taj Mahal mit Kuppel und Minaretten, teilweise von Nebel umgeben
In Agra stehen wir vor dem Taj Mahal – einem der bekanntesten Bauwerke der Welt und Symbol für Indiens historische Größe © Yvonne Pferrer

Jaipur, Udaipur, Agra – Indiens historische Pracht

Rajasthan empfing uns mit Palästen, Festungen und einer Farbintensität, die fast unwirklich wirkte. In Udaipur spiegeln sich weiße Paläste im See. In Jaipur leuchtet die „Pink City“ im Abendlicht – sie wurde im 19. Jahrhundert zu Ehren des englischen Königs Edward VII. rosa gestrichen und die Farbe steht bis heute für Gastfreundschaft. In Agra steht das weltberühmte Taj Mahal, ein Monument der Liebe und eines der bekanntesten Bauwerke der Welt. Hier zeigt sich Indiens historische Größe. Jahrhundertealte Architektur, filigrane Handwerkskunst, Geschichten von Maharadschas und Mogul-Herrschern.

Doch auch hier existieren Gegensätze. Tourismus, Tradition, Alltag – alles läuft parallel nebeneinander. Man lernt schnell: Indien funktioniert nicht in klaren Kategorien.

Drei Menschen sitzen in einem Holzboot auf dem Ganges, weitere Boote und Stadtansicht im Hintergrund bei Sonnenuntergang
Wir sind auf dem Ganges unterwegs und erleben Varanasi vom Wasser aus © Yvonne Pferrer

Varanasi – Der Tod als Übergang

Varanasi war emotional einer der intensivsten Stopps. Enge Gassen. Dichtes Gedränge. Der Geruch von Rauch, Gewürzen – und manchmal auch von Abwasser und Fäkalien von Mensch und Tier. Und dann die Ghats am Ganges … auf diesen breiten Steinstufen, die zum Fluss hinunterführen, wird nicht nur Wäsche gewaschen und meditiert. Hier bereiten sich Pilger und Pilgerinnen auf ein reinigendes, rituelles Bad im Ganges vor. Und vor allem finden hier täglich die bekannten Feuerbestattungen statt.

Varanasi gilt als eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte der Welt. Für Hindus ist dieser Ort heilig, denn sie sind überzeugt, dass, wer hier stirbt und verbrannt wird, den Kreislauf der Wiedergeburt beenden kann. Der Tod ist hier überall sichtbar. Öffentlich. Spirituell eingebettet. Der offene Umgang mit dem Tod hat uns tief bewegt. Wir sprachen mit Menschen, die uns ihre Geschichten erzählten. Viele tragen Lebensrealitäten mit sich, die wir uns kaum vorstellen können. Und dennoch begegneten sie uns mit Stolz und erstaunlicher Stärke. Wir verließen die Stadt mit Demut. Varanasi war kein Ort des Todes und der Dunkelheit. Es war ein Ort der Akzeptanz.

Dichte Menschenmenge auf dem Blumenmarkt in Kolkata, Männer tragen große und schwere Säcke auf dem Kopf
Wir stehen mitten im Blumenmarkt von Kolkata und erleben, wie Menschen schwere Säcke mit Blüten durch das dichte Gedränge tragen © Yvonne Pferrer

Kolkata – Hinter den Blumen

Unsere Reise endete in Kolkata. Eine Stadt voller Energie. Laut. Intensiv. Geschichtsträchtig. Besonders eindrücklich war der riesige Blumenmarkt. Jeden Tag werden hier Millionen von Blüten verkauft – für Tempel, Rituale, Hochzeiten.
Ein Meer aus Orange, Rot und Weiß. Doch hinter dieser Farbenpracht steckt harte Arbeit. Männer tragen Säcke mit 30 oder 40 Kilogramm Gewicht. Arbeitstage dauern oft zwölf bis sechzehn Stunden. Der Lohn entspricht nur wenigen Euro.
⁠Viele der Menschen, die hier arbeiten, leben direkt vor Ort auf engstem Raum. Jede einzelne Blume steht hier für Existenzsicherung. Aber ebenso für Glaube und Hoffnung. Kolkata hat uns gefordert – und gleichzeitig tief berührt.

Yvonnes Tipp

Fürs Handgepäck hätten wir einige Tipps: Feuchttücher und Desinfektionsmittel nicht vergessen, außerdem, Magen-/Darmmedikamente, lange Schals und Tücher z.B. für Besichtigungen heiliger Orte, Kopfhörer für kleine Ruhepausen. Und nie vergessen: Eine Indienreise ist kein klassischer Urlaub, sondern eine intensive Erfahrung!

 

Auf dem linken Bild schaut ein Mann aus einem Kiosk mit zahlreichen Snacktüten hervor. Auf dem rechten Bild sitzen Männer auf zwei Etagen an Nähmaschinen.
Wir sind in Indien den unterschiedlichsten Menschen begegnet © Yvonne Pferrer

Was von der Reise bleibt

Kolkata und Varanasi waren dann auch unsere persönlichen Highlights auf dieser ganzen Reise. Es sind Orte, die einem unglaublich viele Emotionen schenken. Auch ohne konkreten Besichtigungsplan und auch, wenn man sich mal ohne Guide auf den Weg macht – es lohnt sich immer. Was wir sonst von dieser besonderen Reise mitnehmen? Indien war viel intensiver, als wir erwartet hatten: laut, chaotisch und zugleich unglaublich herzlich. Doch wir haben uns an diesen ungewohnten Lebensstil viel schneller gewöhnt, als wir geglaubt hätten. Noch lange klangen uns das Knattern der Tuk-Tuks und das permanente Gehupe auf den Straßen in den Ohren. Und fast vermissen wir Essen, das uns gerne mal als “nicht scharf” angekündigt wurde und uns dann noch den Gaumen verbrannte …

Es heißt oft, dass man Indien entweder liebt oder hasst. Wir haben uns in das Land verliebt. In sein Essen. In die Gewürze. In die Offenheit. Die kulturelle Vielfalt. Mit über 2.000 ethnischen Gruppen, unzähligen Festen und Traditionen ist Indien eine der vielfältigsten Gesellschaften der Welt. Natürlich ist das unser persönliches Fazit. Jeder wird Indien anders erleben. Und es gibt so viel zu entdecken, dass eine Reise bei weitem nicht reicht.

Nach einem Monat Indien würden wir sagen:

  • Essen: 10/10
  • Gastfreundschaft: 10/10
  • Kultur: 10/10
  • Landschaft: 8/10
  • Hygiene: 3/10

 

Dicht gebaute einfache Häuser im Vordergrund, moderne Hochhäuser im Hintergrund einer Großstadt
Wir sehen, wie große soziale Unterschiede in Indien oft direkt nebeneinander existieren © Yvonne Pferrer

Was uns noch wichtig wäre

Wenn Kinder betteln

Auf unseren Reisen durch die ganze Welt begegnen wir immer wieder bettelnden Kindern. Indien hat enorme wirtschaftliche Fortschritte gemacht, gleichzeitig bestehen bis heute große soziale Unterschiede. Früher haben wir bettelnden Kindern einfach Geld gegeben. Heute wissen wir, dass Geld nicht immer nachhaltig hilft. In manchen Fällen stehen organisierte Strukturen dahinter, und die Kinder selbst profitieren überhaupt nicht. Wir geben daher eher Essen oder Wasser. Und wir unterstützen dafür gezielt Organisationen, die transparent arbeiten. Gar nichts zu tun, ist für uns keine Option. Aber unreflektiert zu handeln, auch nicht.
⁠Reisen bedeutet auch Verantwortung.

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